Sprachliche Innovation in Kiezdeutsch

Wir finden in Kiezdeutsch grundsätzlich nicht bloß sprachliche Vereinfachung, sondern auch eine produktive und innovative Erweiterung des Standarddeutschen: Kiezdeutsch nutzt die Möglichkeiten, die das Deutsche im Bereich von Grammatik und Wortschatz bietet, und baut sie aus. Besonders genutzt werden hierbei Entwicklungen des Deutschen, die sich in der gesprochenen Sprache und in informellen Situationen zeigen.

Kiezdeutsch ist zwar auch charakterisiert durch verschiedene grammatische Vereinfachungen, wie sie für Kontaktsprachen typisch sind, etwa im Bereich der Flexion und dem Gebrauch von Funktionswörtern wie Artikeln und Pronomen oder auch dem Verb sein. Es bleibt jedoch nicht bei diesen Vereinfachungen; bei genauerer Betrachtung zeigt sich in Kiezdeutsch die Entstehung neuer sprachlicher Ausdrücke und eigener grammatischer Muster. Hier liegt das innovative Potenzial von Kiezdeutsch. Oft entstehen neue grammatische Muster durch den Einfluss der „Informationsstruktur“, d.h. der Art und Weise, wie die Information, die ein Satz liefert, sprachlich verpackt wird: Durch seine größere grammatische Offenheit bietet Kiezdeutsch im Vergleich zum Standarddeutschen oft neue Möglichkeiten, Information besonders deutlich und/oder effizient zu strukturieren.

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Neue Möglichkeiten der Informationsstruktur

Wortstellung (AdvSVO und V1)

Während im Standarddeutschen im sogenannten „Vorfeld“, also in der Position am Satzanfang vor dem finiten Verb, in Aussagesätzen immer genau ein Satzglied steht, ist in Kiezdeutsch die Wortstellung freier. Hier finden wir auch zwei Elemente im Vorfeld (Reihenfolge Adverbiale BestimmungSubjektVerbObjekt, „Adv SVO“) oder aber keines (Verb-erst-Stellung, „V1“).

Adv SVO:

Im Kiezdeutsch finden wir mitunter Sätze wie die folgenden :

Adverbiale Bestimmung Subjekt finites Verb      
 Früher ich hab'   Faxen gemacht.
 So die ersten zwei Wochen wir haben uns mit denen verstanden.
Morgen ich geh   Kino.  

Im Standarddeutschen haben wir in solchen Sätzen eine Verb-zweit-Stellung, d.h. das finite Verb befindet sich fest an zweiter Stelle, und vor dem Verb (= im Vorfeld) kann nur ein Element stehen, also z.B. ein Adverbial, das Subjekt oder auch ein Objekt (siehe z.B. Dürscheid 2007):

Vorfeld finites Verb      
Morgen gehe ich   ins Kino.
Ich gehe   morgen ins Kino.
Ins Kino gehe ich morgen.  

Die Regel, dass im Aussagesatz nur ein Satzglied vor dem finiten Verb stehen kann, scheint in Kiezdeutsch unter bestimmten Bedingungen außer Kraft gesetzt zu sein. Dort findet man neben den Verb-zweit-Sätzen, die auch im Standard vorkommen, ebenfalls Sätze, bei denen zwei Satzglieder vor dem finiten Verb stehen: ein Adverbial und das Subjekt (Adv SVO).

Diese Wortstellung tritt auch in anderen multiethnischen Jugendsprachen wie dem bereits erwähnten Rinkeby-Svenska (Schweden) oder dem københavnsk multietnolekt (Dänemark) auf, wo im jeweiligen Standard das Verb auch immer an zweiter Stelle steht.

Adverbiale Bestimmung Subjekt finites Verb      

Igår
Gestern

jag
ich

var
war

sjuk.
krank.

  (Rinkeby Svenska)

Normalt
Normalerweise

man
man

r
geht


zum

ungdomsskolen.
Jugendclub.

(køpenhavnsk multietnolekt)

Der Grund dafür, dass diese beiden Satzglieder am Satzanfang stehen können, liegt in der Informationsstruktur des Satzes. Sätze lassen sich nicht nur in Subjekt, Objekt, Prädikat untergliedern, sondern auch im Hinblick darauf, wie Information in einem Satz verpackt ist. Bei dieser Informationsverpackung ist beispielsweise wichtig, wovon der Satz handelt (das sogenannte Topik), was die neue oder zentrale Information ist, die mitgeteilt wird (der sogenannte Fokus), und in welchem Rahmen die Aussage des Satzes verstanden werden soll (sogenannte Rahmensetzer). Bei unseren Beispielen handelt es sich bei dem Adverbial am Satzanfang um einen solchen Rahmensetzer, der in diesen Fällen den zeitlichen Rahmen angibt. Darauf folgt direkt das Topik, also das, worüber eine Aussage gemacht wird, in Form des Subjekts.

Sowohl Topiks als auch Rahmensetzer werden möglichst am Anfang des Satzes ausgedrückt: Man will den Inhalt einer Äußerung zuerst zeitlich oder räumlich verorten und dann den Gegenstand einführen, von dem die Äußerung handelt.

Im Standarddeutschen ist nicht beides zugleich möglich: Wegen der festen Verb-zweit-Stellung kann man immer nur genau eine Einheit an den Satzanfang vor das finite Verb stellen, egal, wie viele gute Kandidaten man hierfür in einem Satz hat. Man muss sich also für Rahmensetzer oder Topik entscheiden. In Kiezdeutsch hat man hier mehr Möglichkeiten: Es muss nicht genau eine Konstituente vor dem Verb stehen, sondern es können auch zwei sein, man kann also einen Rahmensetzer und ein Topik ins Vorfeld setzen.

V1:

Bei der Verb-erst-Stellung (V1) bleibt das Vorfeld (die Position vor dem finiten Verb im Standarddeutschen) unbesetzt:

Vorfeld finites Verb      
   Geh’ ich schwimmen mit Freunde.

Aussagesätze mit Verb-erst-Stellung gibt es grundsätzlich auch in anderen Varietäten des gesprochenen Deutsch, besonders in informellen Situationen (siehe z.B. Schwitalla 1997) wie etwa das folgende Beispiel zeigt, das nicht aus Kiezdeutsch stammt:

Meistens auf der Fahrt zu irgendwie ham paar angerufen, hammer was andres ausgemacht. (aus: Auer 1993: 213)
Vorfeld finites Verb      
  Hammer was andres ausgemacht.

Hier noch zwei Beispiele aus Radio und Zeitung:

Radio Fritz (rbb) vom 19.6.2008, Radiosendung Blue Moon zum Thema „Kult“:
Ich finde, das passt wahnsinnig gut, nachdem man Pippi Langstrumpf gespielt hat, aus dem Jahre, glaub ich, 76 oder so. Wird sich der Chef wieder freuen.

Tagesspiegel vom 1.9.2008, Artikel über einen Vogelforscher, der sich auf Kuckucksbeobachtung spezialisiert hat („Die Eier der anderen“):
Er hat sich ein Tarnschaf gebastelt. Kommt er näher an die Vögel ran.

Die Verb-erst-Stellung dient hier typischerweise dazu, den Textzusammenhang zu verstärken; man könnte sich jeweils ein Verbindungswort wie da oder dann vor dem Verb denken. Diese Sätze treten daher nicht zu Beginn eines Textes auf.

Ein zweites Beispiel für Verb-erst-Sätze im informellen Sprachgebrauch sind solche, in denen Modalverben an erster Stelle stehen. Das Subjekt ist hier typischerweise ein Pronomen, das direkt an das Verb angehängt wird (sog. „Klitisierung“ des Pronomens). Solche Konstruktionen treten ebenfalls in verschiedenen Dialekten bzw. Varietäten des Deutschen auf:

Vorfeld finites Verb      
  Musstu halt noch mal hingehen. (aus: Lehmann 1991)
  Miassns fei net traurig sei. (aus: Simon 1998)
  Musstu im Ordner unter ’Config’ einstellen. (aus einem Internetforum)

Daneben gibt es noch den häufigen Fall der „Ellipse“, d.h. der Auslassung. Hier haben wir eigentlich einen Verb-zweit-Satz, in dem aber das erste Element am Satzanfang ausgelassen wird, etwa:

A: Was machst du heute abend?
B: Weiß ich noch nicht.

Hier fehlt das Objekt von wissen, der vollständige Satz wäre eigentlich Das weiß ich noch nicht, es handelt sich also nicht um einen echten Verb-erst-Satz.

In Kiezdeutsch gibt es solche Einschränkungen nicht: Die Verb erst-Stellung ist eine reguläre Möglichkeit für Aussagesätze, Sätze können zu Beginn einer Gesprächssequenz stehen, ohne dass ein Textzusammenhang hergestellt wird, sie sind nicht elliptisch und sie stehen mit beliebigen Verben (nicht nur mit müssen o.ä.). Der Grund dafür liegt, wie beim mehrfachen Vorfeld vom Typ Adv SVO, auch hier in der Informationsstrukur und in der größeren Freiheit bei der Besetzung des Vorfelds in Kiezdeutsch. Wenn man nur ein schwaches, bereits gut eingeführtes Topik hat, das man nicht extra an den Satzanfang stellen möchte, oder wenn in einem Satz gar kein Topik vorhanden ist, kann das Vorfeld in Kiezdeutsch leer bleiben. Im Standarddeutschen haben wir diese Möglichkeit nicht, sondern müssen in Aussagesätzen grundsätzlich genau ein Element ins Vorfeld stellen, auch wenn wir dies aus Gründen der Informationsstrukturierung eher nicht machen würden.

so

Die Partikel so hat im Deutschen viele Funktionen. In ihrer zentralen Verwendung zeigt sie Vergleiche an (so schnell wie Judith) oder drückt Intensität aus (So hoch!). so antwortet hier auf Wie und könnte umschrieben werden mit „auf diese Art“. Darüber hinaus kann so Unschärfe anzeigen, also kennzeichnen, dass ein/e Sprecher/in nicht genau weiß, ob seine/ihre Aussage stimmt, oder dass er/sie signalisieren will, dass die Aussage nur ungefähr zutrifft (siehe zu sog. „Heckenausdrücken“ bzw. Vagheitsindikatoren z.B. Schwitalla 1997; zu Jugendsprache auch Androutsopoulos 1998).

In Kiezdeutsch bildet sich darüber hinaus bei der Verwendung von so ein weiteres Muster heraus, bei dem der übliche Bedeutungsbeitrag von so entfällt. In den folgenden Beispielen gibt so keinen Vergleich o.ä. an, sondern ist bedeutungsleer, d.h. die Sätze hätten ohne so genau denselben Inhalt wie mit so [Die fettgedruckten Teile sind die, die besonders betont wurden].

Er ist Engländerund er feiert mit uns. Er hat so Türkeitrikot und Türkeifahne um sich.
Die hübschesten Fraun kommn von den Schweden. Also ich mien so blond so.
Da gibts so Club...für Jugendliche so.

Stattdessen erhält so in diesen Fällen eine neue Funktion für die Organisation des Satzes: so steht jeweils vor dem Teil des Satzes, der die wichtige, besonders hervorzuhebende Information liefert (der sogenannte „Fokus“ des Satzes). Neben der Markierung mit so trägt der Fokusausdruck eines Satzes auch die stärkste Betonung; auf ihm liegt der Hauptakzent. Wie in den Beispielen zu sehen, kann so sowohl vor als auch hinter dem Fokusausdruck stehen, und es kann diesen auch wie eine Klammer einschließen.

Hier entwickelt sich mit so also eine Option der Fokusmarkierung, nämlich die Verwendung eines speziellen Wortes, so, das keine eigene Bedeutung trägt, sondern dazu dient, die Position des Fokusausdrucks im Satz anzuzeigen. Eine solche Verwendung von so als Fokusmarker findet sich auch außerhalb von Kiezdeutsch, in anderen Varianten des gesprochenen Deutschen:

„Das literatische Quartett“, 17.08.2001:
Das mag originell sein und das mag irgendwie so einen Kieztouch haben, wenn man Kreuzberg liebt, dann liest man das nicht völlig ohne Amüsement.

Kolumne aus der ZEIT, 33/2008:
Ich habe halt so ein romantisches Kindheitsideal, vielleicht ist das etwas altmodisch.

In Kiezdeutsch scheint diese Verwendung von so als Fokusmarker noch systematischer zu werden und weiter verbreitet zu sein.

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Neue Ausdrücke

Neue Fremdwörter

Kiezdeutsch benutzt eine Reihe neuer Fremdwörter, die das Standarddeutsche nicht hat. Dies sind oft Wörter, die aus Herkunftssprachen der jugendlichen Sprecher/innen stammen, z.B. lan (türkisch Typ / Kerl) oder wallah (arabisch, wörtlich bei Gott):

Ey, rockst du, lan, Alter.


Und da stand und hat mir seine Hand gegeben. Wallah.
(vgl. auch oben zum fehlenden Pronomen).

(Zum Gebrauch von Alter in der Jugendsprache siehe z.B. Schlobinski et al. 1993; Androutsopoulos 1998)

Diese Neuzugänge werden als neue Fremdwörter in Kiezdeutsch integriert, so wie es auch von anderen Fremdwörtern im Deutschen bekannt ist. Ihre Aussprache wird eingedeutscht. Außerdem werden diese neuen Fremdwörter nach den Regeln der deutschen Grammatik verwendet und ändern auch ihre Bedeutung bei dieser Integration. So wird lan z.B. so ähnlich gebraucht, wie wir das von Alter in der Jugendsprache kennen, und wallah so ähnlich wie echt. Diese Integration findet man auch auf der Ebene der Sprachbenutzer/innen. Als Fremdwörter werden neue Ausdrücke aus dem Türkischen, Arabischen etc. von Sprecher/inne/n unterschiedlicher Herkunft gleichermaßen benutzt, auch von solchen, die kein Arabisch oder Türkisch beherrschen. Genauso, wie keine Englischkenntnisse dafür nötig sind, Wörter wie Job oder Computer im Deutschen zu gebrauchen, kann man lan auch verwenden, ohne Türkisch zu sprechen. Kiezdeutsch greift also auf weitere Mutter- und Zweitsprachen seiner Sprecher/innen zu, aber es tut dies aktiv und integrativ, d.h. Ausdrücke aus anderen Sprachen werden nicht einfach in Form einer „Sprachmischung“ der Sprache unbesehen hinzugefügt, sondern verarbeitet und so verändert, dass sie in das sprachliche System des Deutschen passen.

Partikeln

Das Deutsche besitzt, wie alle Sprachen, feste Wendungen und sogenannte Partikeln, d.h. Wörter, die im Satz nicht verändert/flektiert werden, z.B. Gott sei Dank (Gott sei Dank hat er dich gesehen.), so (Ich habe ihr so eine Puppe gegeben.) oder bitte (Gib mir bitte das Buch.). Partikeln haben sich oft aus Wörtern entwickelt, die ursprünglich veränderlich waren. So ist z.B. im Standarddeutschen die Partikel bitte aus der Verbform (ich) bitte entstanden.

In Kiezdeutsch entstehen auf ganz ähnliche Weise neue Partikeln. Hier einige Beispiele:

gibs:

Diese Partikel ist entstanden aus der Wendung es gibt, die die Existenz von etwas zum Ausdruck bringt (im Gegensatz zur Verwendung desselben Verbs geben im Sinne von „überreichen“). Im Standarddeutschen steht diese Wendung sehr häufig in Sätzen, in denen am Satzanfang ein Adverbial wie da, dort oder hier steht, so dass man die Reihenfolge da/dort/hier gibt es bekommt. Dies liefert die Basis für eine Verschmelzung von Verb und Pronomen zu gibt’s. Daraus kann dann durch Verschleifung die Form gibs entstehen, die in der gesprochenen Umgangssprache häufig vorkommt, ganz unabhängig von Kiezdeutsch.

In Kiezdeutsch entwickelt sich gibs – z.T. auch noch gibts ausgesprochen – aber noch weiter, nämlich zu einer Partikel, die nicht mehr aus zwei Elementen gibt und es besteht, sondern ein festes Wort bildet. Das führt dazu, dass gibs dann mit einem zusätzlichen Pronomen es benutzt werden kann. Hier ein Beispiel:

Das Problem daran ist ja, dass es Rivalitäten gibs. Jeder Bezirk will der Stärkste sein.

Wenn man sich das Beispiel genauer ansieht, erkennt man, dass gibs als Existenzanzeiger an der Stelle steht, an der der zentrale Gesprächsgegenstand eingeführt wird: die Rivalitäten zwischen den Bezirken. Als Existenzmarker in Kiezdeutsch kommt gibs auch ohne zusätzliches es vor.

Gibs auch ’ne Abkürzung.


Gibs auch Jugendliche, die einfach aus Langeweile viel Mist machen.
Ich weiß, wo die gibs.

Interessant ist hier, dass sich dann die grammatischen Verhältnisse ändern: Bei gibt es war ja es das grammatische Subjekt, und ein Akkusativobjekt bezeichnete das, was es gibt, also z.B. das Akkusativobjekt einen Wirbelsturm in Hier gibt es einen Wirbelsturm. Wenn das es nun entfällt, weil es in der Partikel gibs verschluckt wurde, fehlt ein Subjekt für den Satz – etwas, das im Standarddeutschen eher vermieden wird.

In Kiezdeutsch scheint dies jetzt z.T. so gelöst zu werden, dass das ursprüngliche Objekt (Wirbelsturm) zum Subjekt wird. Möglicherweise entwickelt sich hier gibs als Existenzanzeiger zu einem Element, das die Stelle des Verbs einnimmt. Das wäre dann ähnlich wie der türkische Existenzanzeiger var (verneint: yok), der auch kein flektiertes Verb ist, aber in türkischen Existenzsätzen an der Stelle des Verbs stehen kann. Die Türkischkenntnisse vieler Kiezdeutschsprecher/innen könnten eine solche Entwicklung für gibs, die zunächst durch die typische Verschmelzung von Verb und Pronomen im gesprochenen Deutschen ausgelöst wird, dann zusätzlich unterstützen.

ischwör:

Bei ischwör handelt es sich um ein sprachliches Phänomen, dass auf eine interessante und typisch deutsche Entwicklung zurückgeht. Ischwör, entstanden aus ich schwör(e), wird benutzt, um Aussagen besonders zu betonen, genauer: um ihren Wahrheitsgehalt hervorzuheben, zum Beispiel wie in:

Ischwör, Alter, war so.

Durch die Aussprache des [ch]-Lautes als [sch] (die sogenannte „Koronalisierung“) erhält man in Kiezdeutsch eine Wortfolge isch schwör mit zwei aufeinander folgenden [sch]-Lauten, die zu einem verschmelzen und so die Entstehung von ischwör als feste Partikel unterstützen. Als Bekräftigungspartikel steht ischwör typischerweise am Anfang oder Ende einer Aussage und kann so auch Äußerungsgrenzen markieren.

Ischwör ist ein recht bekannter Kiezdeutsch-Ausdruck; in der öffentlichen Diskussion wird er häufig zitiert, um zu zeigen, wie „exotisch“ und „vereinfacht“ Kiezdeutsch ist. Dabei wird übersehen, dass die Entstehung einer solchen Partikel im Deutschen ganz normal ist, und es ist daher auch nicht überraschend, dass man einen fast identischen Fall auch außerhalb von Kiezdeutsch findet, nämlich die Entwicklung von glaub ich zu glaubich als neuer Modalpartikel im Gegenwartsdeutschen. Ursprünglich ist glaube ich ein eingeschobener Satz, etwa in folgendem Beispiel:

Da hinten, glaube ich, kommt der Bus.

Im gesprochenen Deutsch wird die Flexionsendung von glaube oft gekürzt (glaub), und das Pronomen wird an das Verb gehängt. Hierdurch entsteht eine Verbindung glaubich, die sich mittlerweile zu einer eigenen Form entwickelt hat und nicht mehr nur als eingeschobener Satz, sondern auch als feste Partikel verwendet wird. Entsprechend steht diese Form dann auch typischerweise nach dem Verb (und nicht davor wie im obigen Beispiel), an derselben Stelle wie andere Modalpartikeln auch:

Da hinten kommt glaubich/vielleicht/doch/… der Bus.

Glaubich bezieht sich in dieser Verwendung auf den Wahrheitsgehalt der Aussage, genau wie ischwör: Während ischwör die Wahrheit der Aussage unterstreicht, schwächt glaubich sie ab. Es handelt sich damit um zwei ganz ähnliche Beispiele für dasselbe Phänomen im Deutschen, eines aus Kiezdeutsch, das andere aus dem gesprochenen informellen Standarddeutschen.

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Weitere neue grammatische Muster

lassma und musstu

Im Fall der Aufforderungswörter lassma und musstu entsteht bereits ein neues grammatisches Teilsystem. Diese Ausdrücke sind urprünglich auch aus Verkürzungen und Verschmelzungen (Klitisierungen) entstanden (lass (uns) mal und musst du). Sie bilden nun ein Wortpaar, das so gut in das System des Deutschen passt, dass es auch außerhalb von Kiezdeutsch schon recht verbreitet ist. Interessanterweise ist hier nicht nur ein einzelner neuer Ausdruck entstanden, sondern es bildet sich bereits ein neues grammatisches Teilsystem, in dem die beiden Aufforderungswörter unterschiedliche, sich ergänzende Funktionen erfüllen: lassma leitet Aufforderungen ein, die den/die Sprecher/in selbst einbeziehen („sprecher/ininklusiv“, wir-Vorschläge), musstu leitet dagegen Aufforderungen ein, die nur dem Hörer bzw. den Hörern gelten („sprecher/inexklusiv“, du/ihr-Vorschläge).

Lassma Moritzplatz aussteigen! (Vorschlag, gemeinsam am Moritzplatz aus dem Bus zu steigen)
Musstu Doppelstunde fahren! (Vorschlag an den Hörer, in der Fahrschule eine Doppelstunde zu fahren)

Konstruktionen mit musstu werden unterstützt durch den Gebrauch von Aussagesätzen mit Verb-erst-Stellung in Kiezdeutsch (und z.T. auch im Standarddeutschen, vgl. oben das Beispiel Musstu im Ordner unter Config einstellen). Das Subjekt folgt auf dieses Verb und ist typischerweise ein Anredepronomen (du, Sie). Als Pronomen, das nach einem Verb steht, wird es im gesprochenen Deutschen typischerweise verkürzt und an das Verb angehängt.

Die Form lassma ist dagegen aus Imperativen entstanden, in denen auch im Standarddeutschen die Verb-erst-Stellung der Normalfall ist (und nicht eine spezielle Ausnahme wie bei den Aussagesätzen im Fall von musstu). Lassma geht auf Lass uns mal zurück, also auf eine Wortgruppe, die ursprünglich das Pronomen uns enthalten hat. Dieses uns ist der Grund dafür, dass lassma in Kiezdeutsch wir-Vorschläge einleitet, die den/die Sprecher/in mit einbeziehen. lassma ergänzt dagegen musstu durch wir-Vorschläge; sie konnte aus einer Wendung mit Pronomen entstehen, weil in Kiezdeutsch häufig Pronomen entfallen, ein Wegfall des Pronomens uns also nicht ungewöhnlich ist.

Durch die beiden ganz unterschiedlichen Arten der Verkürzung und Verschmelzung bei lassma und musstu entstehen in Kiezdeutsch zwei Partikeln, die sich nicht nur in ihrer Bedeutung und ihrem Gebrauch ergänzen (als Aufforderungswörter für wir- bzw. du/ihr-Vorschläge), sondern die auch lautlich und grammatisch gut zu einander passen: Beide haben dieselbe metrische Struktur, sie bilden Zweisilber mit einer betonten vor einer unbetonten Silbe (sog. „Trochäus“: lássma, músstu), und beide werden mit nachfolgenden Infinitiven kombiniert (z.B. Moritzplatz aussteigen, Doppelstunde fahren). Die Kombination mit Infinitiven ist dadurch begründet, dass musstu und lassma auf zwei Verben zurück gehen, die mit Infinitiven kombiniert werden, nämlich müssen und lassen. Durch die Entwicklung von musstu und lassma zu festen Wörtern erhalten wir in Kiezdeutsch Sätze, in denen diese Partikeln nun ebenfalls von Infinitiven gefolgt werden (Musstu Doppelstunde fahren, Lassma Moritzplatz aussteigen). Dieses Schema passt sehr gut in das grammatische System des Deutschen: Aufforderungen können typischerweise durch Infinitivkonstruktionen ausgedrückt werden:

Den Rasen nicht betreten.
Bei Rot hier halten.
Bitte die Tiere nicht füttern.

Ein Kiezdeutsch-Satz wie Lassma aussteigen ist damit in seinem Aufbau parallel zu einem standarddeutschen Satz wie Bitte aussteigen, in dem ebenfalls eine Partikel mit einer Infinitivkonstruktion kombiniert wird. Wir haben es hier somit wiederum mit einer Entwicklung in Kiezdeutsch zu tun, die sich in das grammatische System des Deutschen einpasst.

Funktionsverbgefüge

In Kiezdeutsch finden wir z.T. Sätze wie die folgenden

Machst du rote Ampel.
[= Du gehst bei „rot“ über die Straße.; vgl. auch oben zur Verb-erst-Stellung]
Ich mach dich Messer.
[= Ich greife dich mit dem Messer an.]
Wir sind jetzt anderes Thema.
[= Wir sind jetzt bei eineam anderen Thema. / Wir behandeln jetzt ein anderes Thema.]

Auf den ersten Blick fehlt hier lediglich der Artikel beim Nomen. Bei näherer Betrachtung stellt sich aber heraus, dass es sich hier um eine viel interessantere Konstruktion handelt: Neben der Veränderung in der Nominalgruppe (= fehlender Artikel) sind auch die Verben verändert. Sie tragen kaum noch Bedeutung. Man spricht hier auch von einer semantischen Bleichung der Verben. Bei einem Satz wie Machst du rote Ampel führt diese Bleichung des Verbs dazu, dass er eben nicht bedeutet, dass jemand im wahrsten Sinne des Wortes eine rote Ampel macht/erzeugt/herstellt, sondern dass jemand bei Rot über die Ampel geht. Zentral ist hier die Bedeutung der Nominalgruppe rote Ampel und nicht die des Verbs machen.

Solche Verbindungen aus semantisch gebleichten Verben und grammatisch vereinfachten, oft artikellosen Nomen oder Nominalgruppen kennt auch das Standarddeutsche; es handelt sich um die so genannten Funktionsverbgefüge (siehe z.B. Heidolph et al. 1981). Zu den Funktionsverbgefügen gehören Konstruktionen wie Angst machen, Pfötchen geben, Krawatte tragen (außerdem gehören hierzu noch Konstruktionen mit Präpositionen, z.B. zur Aufführung bringen).

In Funktionsverbgefügen finden wir eine ökonomische sprachliche Arbeitsteilung zwischen Verb und nominaler Ergänzung: Das Nomen liefert den Hauptinhalt, während das Verb die wesentlich grammatische Arbeit leistet und das Nomen in den Satz integriert. Kiezdeutsch macht sich diesen Mechanismus zu Nutze, indem es das Muster der Funktionsverbgefüge produktiv ausbaut. Wir finden hier neue, spontane Bildungen neben den schon vorhandenen Funktionsverbgefügen des Deutschen. Weil diese Bildungen nicht zum Standardlexikon gehören (wie Angst haben etc.), sondern aus der Situation heraus entstehen, sind sie oft auch stark an eine bestimmte Situation gebunden und erfordern für ihr Verständnis das entsprechende Kontextwissen (beispielsweise ist ein Satz wie Machst du rote Ampel! kaum verständlich, wenn er aus dem Kontext gerissen ist). Eine solche Kontextabhängigkeit ist typisch für gesprochene Sprache, besonders in informellen Gesprächssituationen.

Orts- und Zeitangaben

In Kiezdeutsch findet man häufig Orts- und Zeitangaben, die aus bloßen Nominalgruppen bestehen, ohne Artikel und/oder Präposition. Die Auslassung ist durch Ø markiert :

Um sieben Uhr steh ich auf, geh Ø Schule.
Wo ich Ø Grundschule war…
Nachher Ø acht Uhr ich hab Dienst.

Ähnliche Wendungen findet man in bestimmten Kontexten auch in der gesprochenen Sprache außerhalb von Kiezdeutsch. Regelmäßig treten sie bei der Bezeichnung von Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel auf. Hier einige Beispiele aus Antworten, die wir bekommen haben, als wir in Berlin nach dem Weg gefragt haben:

Da müssen Sie Ø Jakob-Kaiser-Platz umsteigen.
Dann steigen Sie Ø Mollstraße aus.
Da musst du bis Ø U-Bahnhof Hermannplatz fahren und dann bis Ø Mehringdamm.

Hier finden wir also wieder eine Neuerung in Kiezdeutsch, die entsteht, indem Möglichkeiten, die das Deutsche sowieso schon bietet, noch weiter ausgebaut werden: Kiezdeutsch ist eine neue Varietät des Deutschen, die – wie alle neuen Varietäten - die grammatischen Möglichkeiten unserer Sprache weiterentwickelt.

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Flexion und Funktionswörter

Flexion

Die Flexion in Kiezdeutsch entspricht nicht immer der im Standarddeutschen, z.T. fallen Flexionsendungen auch völlig weg. Das betrifft vor allem Endungen mit dem so genannten Schwa-Laut (phonetisch: [ə], gemurmeltes „e“) und Nasalen (n oder m). Auch im gesprochenen Standarddeutsch sind diese Endungen oft verkürzt: einen wird zu einn oder ein, einem zu eim, geben zu gebm etc. (siehe z.B. Schwitalla 1997; Zifonun et al. 1997).

Hier einige Beispiele aus Kiezdeutsch:

... auf kein Fall ...
... die Wärme aus mein Land.
Wir kenn uns schon vom Fitness.
Die deutschen Fußballer, die gewinn immer in der allerletzten Minute.

Kiezdeutsch geht auch hier noch weiter als das Standarddeutsche. Es entfallen z.T. auch solche Schwa-Laute, die nicht vor einem Nasal stehen, so dass z.B. meine zu mein werden kann:

Das ist mein Hose.
Also mein Schule ist schon längst fertig.
Man sieht es später halt, wenn man kein Arbeit hat.

Da die Flexionsendungen keine eigentliche Bedeutung beisteuern, sondern in erster Lienie grammatische Information transportieren, bleibt der Satz trotzdem verständlich (ähnlich wie z.B. im Englischen, wo - verglichen mit dem Deutschen - eine Entwicklung hin zu einem reduzierteren Flexionssystem stattgefunden hat).

An anderer Stelle finden wir in Kiezdeutsch mehr Flexionsmarkierungen als im Standarddeutschen: Bei Vergleichen mit als und wie finden wir z.T. flektierte Formen von Pronomen, wo man sie im Standarddeutschen nicht erwarten würde:

Früher war er so wie uns.
Wir gehen zu den älteren Leuten, die älter als uns sind.
Ja, die sind so wie uns.

Durch diese Kasusmarkierung wird das System der Präpositionen in Kiezdeutsch regelmäßiger als im Standarddeutschen: Die Präpositionen als und wie sind hier keine Ausnahmen mehr, sondern weisen einen Kasus zu, wie alle anderen Präpositionen auch. Kiezdeutsch ist hier also grammatisch systematischer als das Standarddeutsche.

Artikel und Pronomen

Artikel und Pronomen entfallen mitunter; vor allem dort, wo der Satz trotzdem verständlich bleibt. Die Auslassung ist durch Ø markiert :

Ich sag: ’Hast du Ø Handy bei?’
Er hat schon Ø eigene Wohnung.
Ich mache Ø Ausbildung als Fachlagerist“
[ähnlich auch im Standarddeutschen: Ich mache Abitur!)

Auch diese Entwicklung ist im Standarddeutschen angelegt: Pronomen und Artikel werden in der gesprochenen Sprache oft verkürzt (aus machst du wird machste, aus ein Handy wird n Handy) und können z.B. am Satzanfang als Topikangabe entfallen (Kommt Anja auch zur Party? – Weiß nicht.).

Im Standarddeutschen werden Artikel außerdem häufig auf Hinweisschildern (Tür öffnet selbsttätig!) oder bei Überschriften in Zeitungen (Kunstsammlung eröffnet) weggelassen. Dieser telegrammartige Stil wird dort aus Gründen der Sprachökonomie verwendet und dient der schnelleren Informationsverarbeitung für den Leser (siehe z.B. Dürscheid 2003).

In sogenannten „generischen“ Kontexten, in denen etwas Generelles bezeichnet wird (siehe z.B. Wiegand 2000; Nübling 1992), werden im Standarddeutschen die Artikel typischerweise mit der Präposition verschmolzen („im Schwimmbad“ statt „in dem Schwimmbad“). In Kiezdeutsch wird hier häufig die Präposition allein verwendet, der Artikel entfällt ganz:

Zum Beispiel wenn wir in Unterricht sind.
Ich kenn ihn von Fitness.

Der Ländername Türkei: Eine Stelle, an der in Kiezdeutsch häufig der Artikel fehlt, ist vor dem Ländernamen Türkei. Hier handelt es sich um eine erweiterte Anwendung einer allgemeinen Regel des Standarddeutschen (siehe z.B. Thieroff 2000): Die meisten Länder- und Städtenamen im Deutschen stehen tatsächlich ohne Artikel (z.B. Deutschland, England, Frankreich, Berlin usw.). Es gibt jedoch einige Ausnahmen, zu denen auch der Ländername Türkei gehört (die Türkei, die Schweiz, der Iran, der Irak). In Kiezdeutsch wird diese Ausnahme häufig regularisiert, d.h. Türkei wird ohne Artikel benutzt, so wie Deutschland, England etc:

Weil ich in Ø Türkei geboren bin.
Ja, viel wohler als in Ø Türkei. [auf die Frage „Fühlst du dich wohl in Berlin?“]
Also ich würde gern in Berlin wohnen als in Ø Türkei.

Wie andere Ländernamen ohne Artikel wird Türkei daher in Kiezdeutsch oft auch mit der Präposition nach benutzt (statt in die Türkei), also entsprechend dem standarddeutschen Muster für nach Deutschland:

Und danach ist meine Mutter zurück nach Türkei gegangen.

Hier führt die Veränderung in Kiezdeutsch somit zu einer systematischeren Behandlung von Ländernamen; Ausnahmen des Standarddeutschen werden in Kiezdeutsch in das generelle System der Ländernamen eingeordnet.

Das Verb sein

Ein Verb, das in Kiezdeutsch z.T. wegfällt, ist das Verb sein in seinem Gebrauch in Sätzen wie Sie ist eine Lehrerin., Der Zug ist noch in Köln. etc. In diesen Sätzen liefert das Verb keinen vollen Bedeutungsbeitrag (etwa im Sinne von „existieren“), sondern dient in erster Linie dazu, das Prädikat zu bilden (siehe z.B. Eisenberg 2006; Maienborn 2003; Steinitz 1999).

Kiezdeutsch kommt in solchen Fällen dann oft ohne Verb aus:

Was Ø denn los hier?
Ja, ich Ø aus Wedding.

Sätze ohne Kopulaverb, auch Nominalsätze genannt, sind auch aus anderen Sprachen bekannt, z.B. aus dem Russischen (siehe z.B. Müller-Ott 1982) und dem Arabischen (siehe z.B. Haywood & Nahmad 1962).

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